samedi 19 mai 2012

leere Straßenbahnen summen in die Vorstädte


Ernő Szép: Mitternacht


Ach, ich müsste schreiben. Ich schaue auf meine Uhr. Der Stundenzeiger und der Minutenzeiger zielen auf die schmale römische Zwölf. Es ist genau zwölf. Mitternacht. Diese wunderbare, dünne Achse, um die sich die furchtbare, große Welt vom Gestern in das Morgen dreht. Es ist Mitternacht. Wie viele Kirchen gibt es auf der Welt, wie viele Türme, wie viele Turmuhren, sie alle schallen, dröhnen, schwirren, hämmern jetzt. Oh, wie gern würde ich sie nur einmal alle zusammen hören. Ich höre keine von ihnen, ich höre viel mehr den Lärm des Kaffeehauses, dieser Lärm fließt wie gelbes Regenwasser aus der Rinne in die Tonne. Wie sieht jetzt die Welt aus? Was tun die Menschen auf dem ganzen Erdball in dieser Minute? Am Rande der Dörfer bellen Hunde, in den Klubs der Städte sitzen verzweifelte Spieler, Ehepartner ziehen sich aus, sie waren im Theater, die Frau setzt sich auf den Bettrand, lässt ihre Hände in den Schoß fallen und versinkt in Träumerei; in Krankenhäusern liegen Leidende mit aufgerissenen Augen, in einsamen Lagerhäusern laufen Mäuse herum, eine Opernsängerin atmet schwer im Hotelzimmer, sie keucht über ihrer Kranz, Säuglinge lächeln, der Mond spaziert über große Seeflächen, im Nachtlokal versuchen glatzköpfige Herren im Frack und mit Monokel sich zu amüsieren, auf dem Feld liegen gefrorene Männer in ihren Rüstungen, ein ängstlicher junger Mann geht mint einem Freudemädchen das dunkle Treppenhaus hinauf, Menschen stürzen in Zügen aufeindander zu, aus einem kleine Gasthof schallen Lieder, manche wimmern vor lauter Zahnschmerzen, das frische Brautpaar feiert im Hotel Rausch der Nacht, ein Herr in zerknitterten Fechtanzug erschießt sich vor dem Spiegel, im Urwald strecken sich wilde Panther, junge Häftlinge stöhnen in den Zellen, die Hebamme wird vom Klingeln geweckt, leere Straßenbahnen summen in die Vorstädte, auf dem Hausball erklingt das Klavier, der aufgebahrte Tote denkt an die Ewigkeit nach, besoffene Männer prügeln sich am Straßeneck, in der Mühle schwirren die Schaufelräder, auf dem Schiff rauchen die Matrosen ihre Pfeifen, eine Katze miaut zwischen den Schornsteinen, zwischen verlassenen Planken blizt das Taschenmesser des Mörders, das Opfer röchelt, in Kirchen betet die Stille, die Tänzerin weint in ihrer Garderobe, überall strahlen elektrische Lichter, Gaslampen, Petroleumleuchter, Kerzen und Sterne und wie viel Dunkelheit gibt es auf dieser Welt.
Irgendwo brennt eine Stadt, wie viele Zigaretten werden in diesem Augenblick gezündet... Wie viele Zigaretten brennen allein in diesem Kaffeehaus. Der feine, dünne, blaue Rauch kreist hoch von den Spitzen der Zigaretten, die Rauchschwaden treffen sich in der Luft, verschlingen sich miteinander, fließen zusammen, fliegen vereinigt, wie ein blasse, ferne Vogelschwarm. Die Menschen, die der Rauch unter sich lässt reden und plaudern, schreien und flüstern, lachen und trällen, ein schrilles Frauenlachen schlängelt durch den Raum.
Das Kaffeehaus spricht, murmelt, plätschert, summt und singt... ich halte mir die Hände auf die Ohren, dann kommt die Stille. Ich nehme meine Hände weg, dann kommt der der Sturm. Ich wiederhole das in schnellem Rhytmus, ich stütze mich auf den Ellenbogen und drücke mir die Ohren mit den Händen.
Was für eine seltsame Musik. Als ob in der Hölle Pauken schlügen.

MV