Ernő Szép: Mitternacht
Ach,
ich müsste schreiben. Ich schaue auf meine Uhr. Der Stundenzeiger
und der Minutenzeiger zielen auf die schmale römische Zwölf. Es ist
genau zwölf. Mitternacht. Diese wunderbare, dünne Achse, um die
sich die furchtbare, große Welt vom Gestern in das Morgen dreht. Es
ist Mitternacht. Wie viele Kirchen gibt es auf der Welt, wie viele
Türme, wie viele Turmuhren, sie alle schallen, dröhnen, schwirren,
hämmern jetzt. Oh, wie gern würde ich sie nur einmal alle zusammen
hören. Ich höre keine von ihnen, ich höre
viel mehr den Lärm des Kaffeehauses, dieser Lärm fließt wie gelbes
Regenwasser aus der Rinne in die Tonne. Wie sieht jetzt die Welt aus?
Was tun die Menschen auf dem ganzen Erdball in dieser Minute? Am
Rande der Dörfer bellen Hunde, in den Klubs der Städte sitzen
verzweifelte Spieler, Ehepartner ziehen sich aus, sie waren im
Theater, die Frau setzt sich auf den Bettrand, lässt ihre Hände in
den Schoß fallen und versinkt in Träumerei; in Krankenhäusern
liegen Leidende mit aufgerissenen Augen, in einsamen Lagerhäusern
laufen Mäuse herum, eine Opernsängerin atmet schwer im Hotelzimmer,
sie keucht über ihrer Kranz, Säuglinge lächeln, der Mond spaziert
über große Seeflächen, im Nachtlokal versuchen glatzköpfige
Herren im Frack und mit Monokel sich zu amüsieren, auf dem Feld
liegen gefrorene Männer in ihren Rüstungen, ein ängstlicher junger
Mann geht mint einem Freudemädchen das dunkle Treppenhaus hinauf,
Menschen stürzen in Zügen aufeindander zu, aus einem kleine Gasthof
schallen Lieder, manche wimmern vor lauter Zahnschmerzen, das frische
Brautpaar feiert im Hotel Rausch der Nacht, ein Herr in zerknitterten
Fechtanzug erschießt sich vor dem Spiegel, im Urwald strecken sich
wilde Panther, junge Häftlinge stöhnen in den Zellen, die Hebamme
wird vom Klingeln geweckt, leere Straßenbahnen summen in die
Vorstädte, auf dem Hausball erklingt das Klavier, der aufgebahrte
Tote denkt an die Ewigkeit nach, besoffene Männer prügeln sich am
Straßeneck, in der Mühle schwirren die Schaufelräder, auf dem
Schiff rauchen die Matrosen ihre Pfeifen, eine Katze miaut zwischen
den Schornsteinen, zwischen verlassenen Planken blizt das
Taschenmesser des Mörders, das Opfer röchelt, in Kirchen betet die
Stille, die Tänzerin weint in ihrer Garderobe, überall strahlen
elektrische Lichter, Gaslampen, Petroleumleuchter, Kerzen und Sterne
und wie viel Dunkelheit gibt es auf dieser Welt.
Irgendwo
brennt eine Stadt, wie viele Zigaretten werden in diesem Augenblick
gezündet... Wie viele Zigaretten brennen allein in diesem
Kaffeehaus. Der feine, dünne, blaue Rauch kreist hoch von
den Spitzen der Zigaretten, die Rauchschwaden treffen sich in der
Luft, verschlingen sich miteinander, fließen
zusammen, fliegen vereinigt, wie ein blasse, ferne Vogelschwarm. Die
Menschen, die der Rauch unter sich lässt reden und plaudern,
schreien und flüstern, lachen und trällen, ein schrilles
Frauenlachen schlängelt durch den Raum.
Das Kaffeehaus spricht, murmelt, plätschert, summt und singt... ich
halte mir die Hände auf die Ohren, dann kommt die Stille. Ich nehme
meine Hände weg, dann kommt der der Sturm. Ich wiederhole das in
schnellem Rhytmus, ich stütze mich auf den Ellenbogen und drücke
mir die Ohren mit den Händen.
Was für eine seltsame Musik. Als ob in der Hölle Pauken schlügen.
MV